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Ein Gespenst geht um in der großen Freiheit des world wide web - ein Gespenst im Gewand von Halbwahrheiten, Einflussnahme und persönlicher Genugtuung. Klatsch und Tratsch
mutieren unter dem Foren – Deckmantel als zweifelhaft fachliches Know How zu unumstößlichen Weisheiten und Imponiergehabe.
So wird daheim des lieben Friedens
willen gekuscht und auf eitel Sonnenschein gemacht, in der Firma dem Chef zu Munde gesprochen und des Nachbarn Macken griesgrämig erduldet. Setzt man sich dann dank erkaufter
Flatrate stundenlang vor den heimischen PC, so ist es heut allzu leicht, angestauten Frust und Geltungsbedürfnis loszuwerden. Schnell ins nächste Forum, einen markig klingenden
Nickname kreiert und ab die Post!
Was sich dann abspielt, spottet jeder Beschreibung. Sobald die ersten passenden Themen ausgemacht werden, bahnt man den Weg in die
"große Freiheit". Hier ein lockerer Spruch, dort ein kluger Rat... Schnell fügt man sich ein in geltende Hierarchien und arbeitet sich hoch. Endlich einmal etwas zu
sagen haben, endlich ein anerkannter Macher sein, das ist doch was!
Es erinnert sehr an Else Kling, was teils geboten ist. Oder aber an alte Leutchen, die sich am offenen
Fenster hängend, das Kissen zurechtklopfend nach den bösen Nachbarn Ausschau halten, die schon wieder falschen Müll in den Container werfen und das auch noch unsortiert!
Hat man die Leiter innerhalb der Forenstruktur erklommen, so werden die ratsuchenden "Ahnungslosen" und Neulinge erst einmal über geltende Regeln informiert.
"Benutz die Suche-Funktion!", "Mann, schon wieder die selbe Frage...!", "Falscher Thread!", "Erst nachdenken, dann schreiben, dann nochmal
nachdenken und erst dann absenden und im Zweifelsfalle...editieren!". Didaktische Fauxpas sind an der Tagesordnung, der Frust über Aufmüpfige groß und dennoch werden täglich
Stunden im neu erkohrenen Medium verbracht.
Spannend wird es dann, wenn es um Fach-Foren geht, technische Ratschläge gegeben werden. So treiben sich in Taucherforen
zahlreiche Gurus herum, die ihnen völlig Unbekannten selbst Revisionstipps geben. Die passenden Ersatzteile, selbstredend viel billiger, als im Shop und Explosionszeichnungen
gibt's bei Ebay. Es ist faszinierend, solche Unterhaltungen zu verfolgen, hat man ein wenig mehr Fachkenntnis, als der Tauchkurs und ergoogeltes Halbwissen bieten. Wenn man
bedenkt, dass ein so revidierte Regler Leben in lebensfeindlichem Raum erhalten soll und wenn man dann in Erfahrung gebracht hat, dass die bei Ebay erstanden Teile oft nicht
einmal Originalteile des Herstellers, sondern Nachbauten sind. Materialien, die nicht den Herstelleransprüchen genügen können, aber man hat ja im Zweifelsfalle 3, 10 oder gar
lebenslange Garantie!
Traurig ist es auch, wenn blauäugig Kauftipps zur Meinungsbildung angenommen werden. Es ist hinlänglich bekannt, dass auch Vertreter diverser Firmen
in Foren angemeldet sind. Werden diese ein Konkurrenzprodukt empfehlen? Auch sind Artikel so unterschiedlichster Eigenschaften am Markt, dass ein jeder entsprechend seiner
Tauchgewohnheiten fündig werden kann. Was aber bitte soll ein engagierter Hobbytaucher im Baggersee mit einem hochkarätigen Kevlar-Trocki? Und wie will ich eine Flosse kaufen,
wenn niemand meine Empfindungen und meinen Trainingszustand kennt?
Es bleibt wohl weiter spannend. Lehnen wir uns also zurück, öffnen Wein und Chipstüte - im Fernsehen wird
ja eh nur noch durch den Dschungel gehüpft. Der Unterhaltungsfaktor ist durchaus vorhanden, weiß man die Informationen dieser Plattformen richtig einzuschätzen und zu selektieren.
Andererseits mache ich mir Sorgen, über die zahlenmäßig wesentlich stärker vertretende Fraktion der ernsthaften Foren-Jünger.
Wer es noch nicht weiß, hier ein kurzer geschichtlicher Abriss, was ein Forum ist, wie es dazu kam und wie uns die Geschichte wieder eingeholt
hat: Ein Forum war in der Antike eine römische Platzanlage. Die wichtigste, das Forum Romanum, entstand im 6. Jahrhundert vor Christus in Rom, auf einer sumpfigen Fläche. Um
diesen Bereich trocken zu legen, der lange auch als Begräbnisstätte genutzt worden war, baute man die Cloaca Maxima, den größten Abwasserkanal der Stadt. Und hier holt uns
die Geschichte ein...
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