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Kulinarisches Divestyle - Magazin DIVE & DINE

by Herbert Frei 9.01

C: Herbert Frei

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Es gibt Fische im Süßwasser, die kennen selbst Angler nur aus Lehrbüchern und Geschichten, Normalsterbliche gar nur vom Hörensagen. Eine dieser zoologischen Raritäten, ein echter Panzerkreuzer, ist der Stör. Ein Fisch aus der Urzeit, in Deutschland selten wie die Blaue Mauritius, wertvoll wie die Englische Königskrone. Der Unterwasserfotograf Herbert Frei beschreibt den einzigen heimischen Knochenfisch und zeigt die vielleicht letzten unwiederbringlichen Aufnahmen in wahrlich einmaliger Qualität aus seinem Lebensraum.

Acipenser sturio, der gemeine Stör, ganze zwei Exemplare werden nach Auskunft von Experten in der Bundesrepublik in Gefangenschaft gehalten. Mit vager Hoffnung auf Vermehrung. Glaubt man der Roten Liste, gilt der atlantische Stör bei uns als ausgestorben. Nur Einzelexemplare werden noch in Elbe, Rhein und Donau gesichtet. Gelegentlich verfängt sich einer im Netz eines Berufsfischers, wird aber im Regelfall wieder freigelassen. Denn Acipenser sturio steht unter strengem Naturschutz, darf weder gefangen noch verkauft werden. Dies hinderte allerdings Anfang der 90er Jahre einen Mecklenburgischen Fischer nicht daran, einen versehentlich ins Netz gegangenen Stör von 2,85 m Länge und 142 kg Gewicht der Kantine des Bonner Innenministeriums zu verkaufen, wo der stattliche, ca. 50 Jahre alte Fisch, zu 250 Portionen verarbeitet wurde. In den Mägen der Bürokraten verschwand eines der letzten Exemplare des Atlantischen Störs. Kopf und Haut des stattlichen Fisches wurden einem naturkundlichen Museum übergeben. Ein kleines Drama, das zur ministeriellen Provinzposse verkam, denn die gewitzten Polit-Gourmets reichten nach dieser Panne den Schwarzen Peter einfach an Brüssel weiter. Nach EG-Recht sind Störe nämlich frei zu befischen. Wie unter solchen Gesetzen eine Arterhaltung funktionieren soll, ist absolut unklar und lässt Störexperten an allen Wiedereinbürgerungsprogrammen zweifeln.

Historik:

Die älteste verbürgte Nachricht über den Stör stammt vom griechischen Schriftsteller Herodot, der den Riesenfisch bereits 450 v. Chr. in einem seiner Werke erwähnte. Wie beliebt der Stör als Speisefisch in früheren Jahren war, belegen Schriften, aus denen hervorgeht, dass es in Hamburg an den St. Pauli - Landungsbrücken im letzten Jahrhundert eine 2,3 Ar große Störhalle gab - gebaut nur für diesen Fisch. Ein blühender Störhandel überzog alle Städte, die an einem der großen europäischen Flüsse lagen. In Wien und Hamburg galten Störe als Massennahrungsmittel für das einfache Volk, das in seinen Verträgen stehen hatte, dass es pro Woche nicht mehr als drei Störgerichte essen musste. Tonnenweise wurden die riesigen Fische in Netzen gefangen, und teilweise an Hunde und Katzen verfüttert.

Mit beispielloser Ignoranz, von politischer Unfähigkeit begleitet und taub gegen alle Anzeichen der Überfischung wurden die Störbestände bis 1936 nahezu restlos dezimiert. Mit immer engmaschigeren Netzen und dem gleichzeitigen Bau von Schleusen und Staustufen wurden nicht nur vermehrt noch nicht geschlechtsreife Störe gefangen, auch ihre Wanderwege hat man gedankenlos vermauert und auf diese Weise die letzten Laichgebiete zerstört. 

So wie sich die Zeiten geändert haben, hat sich der Stör rar gemacht. Aus deutschen und österreichischen Gewässern ist er weitgehend verschwunden, kaum noch wird einer gesichtet, noch seltener einer gefangen. Und viele Angler bekommen ein schlechtes Gewissen, wenn doch mal einer an den Haken geht. Still und ohne Aufhebens gibt man ihm wieder die Freiheit. Im Jahr 2000 wurde der Stör zu recht zum Fisch des Jahres gewählt.

Störfälle:

Wer jemals unter Wasser einem Stör begegnet ist, kann sich des Gefühls nicht erwehren, ein archaisches Lebewesen gesehen zu haben. Der haiförmige Körper, seitlich und oben mit Knochenschilden bedeckt, endet in einer spitzen Schnauze, die hart wie ein Stück Kantholz dem Kopf entspringt. Fährt man mit der Hand über seinen gepanzerten Rücken, meint man, einen Unsterblichen zu berühren. Weit Über 100 Jahre kann er nachweislich alt werden. Auch das unterscheidet ihn von den meisten Lebewesen und weckt Ehrfurcht.

Geradezu unheimlich kommen einem seine Maße vor. Gegen den heimischen Stör wirken andere Süßwasserfische wie unterernährte Flüchtlinge aus einem Hungergebiet. Selbst die größten Welse müssen weichen, wenn Acipenser sturio auftaucht. Unfassbare 6 m kann er lang werden, bei einem Gewicht von ca. einer Tonne. Ein sogenannter Rekordstör war ein 1994 im iranischen Teil des Kaspischen Meeres gefangener Acipenser mit 5,5 m Länge und 800 kg Gewicht. Nur ein Kran konnte ihn an Land hieven. Der Gigant lieferte Über 100 kg Kaviar im Wert von mehr als 300.000 Mark (Euro 1534). Französische Fachleute aus dem Musee National d`Histoire in Paris hatten das Tier im Auftrag der Iranischen Regierung für die Nachwelt präpariert. Es steht heute in einem Naturkundemuseum in Teheran. 

Noch gewaltiger wird der Hausen (Huso huso), eine Störart, die es früher häufig in der Donau gab. Seine Endmaße liegen bei 9,5 m und das Gewicht bei mehr als 1500 kg. Er ist der größte Süßwasserfisch der Erde. Ein Brocken, der größenmäßig selbst neben einem Weißen Hai bestehen könnte. Weltweit gibt es ca. 30 Störarten, darunter Riesen und Zwerge, seltene und häufige. Eine der kleinsten Störarten ist der heimische Sterlet. Er wird bestenfalls 1,2 m lang und 10 kg schwer. Der europäische Rekordsterlet wurde 1996 in der Slowakei von Jan Sipos aus der Donau gefischt. Der Traumfisch wog 6 ,6 kg bei 92,5 cm Länge und biss auf eine kleine Laube.

Sogenannte Störfälle gibt es immer wieder. So fing der 13-jährige Thorsten Fischer (nomen est omen) aus Leipzig im Hausgewässer seines Vaters, dem Flüsschen Pleiße, einen 75 cm langen Störhybriden, eine Kreuzung aus Sterlet und Sibirischem Beluga, Bester genannt. In der ehemaligen DDR wurden diese Fische einst für Promi-Schlemmer gezüchtet. 
 

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